Vorsich vor zu viel Vitaminen!

VitaminpillenVorsich vor zu viel Vitaminen!

Gerade im Herbst greifen viele Schweizer aus Angst vor einer drohenden Erkältung zu Vitamin-C-Brausetabletten oder A-C-E-Getränken. Ein Mangel besteht aber meist nicht und wer nach dem Motto «viel hilft viel» verfährt, könnte schnell zum Opfer des Gutgemeinten werden.

 

Bei Herstellern von künstlichen Vitaminen und Mineralstoffen klingelt es mächtig in der Kasse. Bunte Gesundheits-Tabletten mit dem Label Vitamin sind ein echter Boom-Markt. Mit ACE-Getränken, Pillen und Brausetabletten werden Milliarden umgesetzt. Dabei ist die Einnahme mit wenigen Ausnahmen völlig überflüssig, so die Einschätzung vieler Experten. Im Gegenteil: Eine Überdosierung kann durchaus ernsthafte Gesundheitsschäden nach sich ziehen, wie aktuelle Studien belegen.

PillenSchweiz kein Vitamin-Mangelland

Früher litten vor allem Seefahrer oft an Skorbut, einer Krankheit, die zu Wundheilungsstörungen und Zahnausfall führte. Grund dafür war ein extremer Mangel an Vitamin C. Solche Fälle kommen in westlichen Ländern nur noch sehr selten vor, so die Einschätzung von Professor Richard F. Hurrell, Leiter der Abteilung Humanernährung am Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften der ETH Zürich.

Dass es ohne die tägliche Vitamin-Brausetablette nicht geht, wie manche Werbung suggeriert, ist für Hurrell ein Irrglauben: «Wenn sich jemand ausgewogen ernährt, dann bringen solche Ergänzungsmittel nichts.» Auch Caroline Bernet, Leiterin von Nutrinfo der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE, stösst in dieses Horn: «Wer täglich drei Portionen Gemüse, davon mindestens einmal roh, und zwei Portionen Früchte sowie Vollkornprodukte, Milchprodukte und abwechslungsweise Fleisch, Fisch und, Eier isst, braucht keine zusätzlichen Vitamine.»

Im besten Fall Placebo

Im Gegenteil: Nicht selten führt die regelmässige Einnahme bestimmter Vitamin- und Mineralienprodukte sogar zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. So hat Öko-Test im 300 Vitamin- und Mineralstoffpräparate untersucht. Das Ergebnis war für den Chefredakteur des Verbraucher-Magazins, Jürgen Stellpflug, alarmierend. «Die Nahrungsergänzungsmittel, die Öko-Test getestet hat, sind samt und sonders Unsinn und überflüssig und können sogar Krankheiten hervorrufen», erklärt er in der Sendung «M€X» des Hessischen Rundfunks.

Vorsicht vor Überdosis

Grund für das vernichtende Urteil: In vielen Produkten wurden überhöhte Dosierungen bestimmter Inhaltsstoffe festgestellt, die der Gesundheit schaden können. Insbesondere fettlösliche Vitamine und Mineralien können bei Überdosierung Negativfolgen mit sich bringen. So kann sich bei regelmässiger Überschreitung des Tagesbedarfs an Vitamin C Oxalsäure im Körper bilden, die Nierensteine zur Folge haben kann. Vor allem aber die Zuführung fettlöslicher Vitamine (A, D, E und K) kann zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen führen. Diese werden nicht über die Niere ausgeschieden. Sie lagern sich im Fettgewebe ab und rufen dort langfristig Schädigungen hervor.

Eine aktuelle Studie zeigt ausserdem, dass Vitamin-C-Präparate die Wirkung einer Reihe von Medikamenten gegen Krebs entscheidend beeinträchtigen können. Wissenschaftler des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center kommen zu dem Ergebnis, dass je nach Medikament 30 bis 70 Prozent weniger Krebszellen zerstört werden. Und Tumore, die zuvor mit Vitamin C behandelt werden, wachsen sogar noch schneller.

 

SchwangerRaucher profitieren

Es gibt allerdings bestimmte Risikogruppen, die durchaus von Vitamin-Präparaten profitieren. So ist Hurrell der Meinung, dass Raucher unter Umständen gut daran tun, Vitamin C zu sich zu nehmen. Auch Menschen, die sich nicht ausgewogen ernähren können oder wollen, und in geringerem Masse auch für Vegetarier oder Veganer sinnvoll sein.

 

Auch schwangere Frauen oder Frauen mit Baby-Wunsch gehören einer Risikogruppe an. «Sie haben zum Beispiel einen höheren Bedarf an Folsäure, weshalb eine zusätzliche Vitaminsupplementation sinnvoll sein kann. Auch bei Allergikern, die gewisse Lebensmittelgruppen nicht mehr essen können, ist eine zusätzliche Vitamingabe angesagt», räumt die diplomierte Ernährungswissenschaftlerin Caroline Bernet ein.